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Aufruhr in Frankreich

Aufruhr in der französischen Lingerie-Industrie
Frankreichs Dessous haben ausgereizt

Französinnen sind Weltmeisterinnen im Kaufen von Unterwäsche.( Dessous) Doch die heimische Lingerie-Industrie fürchtet um ihre Stellung
 
Paris - Fans zarter Spitzen müssen in Paris nur vom Gare St. Lazare zum Boulevard Haussmann gehen: Da lockt das Nobelkaufhaus Galeries Lafayette mit der größten Lingerie-Abteilung der Welt, da locken aber auch zahlreiche Boutiquen von spezialisierten Ketten wie Etam, Princesse Tam Tam, Orcanta und Darjeeling. Sie alle haben vor allem französische Dessous-Marken im Programm.
Das nur wenige hundert Meter breite Viertel in Paris steht stellvertretend für das ganze Land: Ein Paradies für Liebhaber feinster Unterwäsche, ein Paradies aber auch für die heimische Lingerie-Industrie. Doch jetzt herrscht Aufruhr, denn die Branche gerät durch chinesische Importe und Billigketten zunehmend unter Druck.
Dabei könnten die Ausgangsvoraussetzungen nicht besser sein. Französische Lingerie ist weltbekannt, gilt als raffiniert und sexy. Und die Nachfrage auf dem Heimatmarkt stimmt - schließlich sind Französinnen Meisterinnen im Kaufen von Unterwäsche. Durchschnittlich 100,2 Euro geben sie pro Jahr dafür aus, vor allem für Büstenhalter. Nur die Engländerinnen bezahlen mit 118,9 Euro mehr, allerdings kaufen sie hauptsächlich Nacht- und Homewear. Deutsche Konsumentinnen kommen gerade mal auf 80 Euro.
Doch die französische Lingerie-Branche ist zersplittert und im Umbruch. Anfang der 90er traten große ausländische Konzerne wie Sara Lee aus den USA auf den Plan, gleichzeitig entdeckten die Supermärkte den Handel mit Unterwäsche für sich und liefen den bis dahin dominierenden unabhängigen, kleinen Spezialgeschäften den Rang ab.
Der Preisdruck nahm zu. Bald kauften 70 Prozent der Franzosen ihre Dessous bei Carrefour, Leclerc und Co. Deshalb entwickelten Produzenten wie Barbara spezielle Marken für die Supermärkte. Inzwischen haben die ihren Rang wieder eingebüßt, zugunsten spezialisierter Ketten wie Etam, Princesse Tam Tam oder Orcanta von Pinault-Printemps-Redoute.
Nachdem die Branche jahrelang kontinuierlich zulegte und 2003 ihren Umsatz um 10,9 Prozent auf 825 Mio. Euro steigerte, zeigen sich jetzt erste Schwächen. Zwar stieg der Umsatz auf dem Heimatmarkt innerhalb der ersten neun Monate des Jahres um ein Prozent. Doch im Export, der immerhin die Hälfte des Umsatzes ausmacht, brach er um zwanzig Prozent ein. So rechnet Barbara-Chef Jean-Jacques Béna für 2004 mit einem Umsatzrückgang seiner Hauptmarke von fünf bis zehn Prozent auf 34 bis 36 Mio. Euro.
Die Situation sei alarmierend, meint Pierre-Jacques Brivet vom Berufsverband der Bekleidungsindustrie in Lyon. Der Kampf um Marktanteile sei noch nie so erbittert gewesen wie jetzt. Angesichts der trüben Konjunktur kämen die französischen Marken mit ihren raffinierten Entwürfen nicht mehr an, außer in Südeuropa. Bessere Chancen haben da Billigmodeketten wie H&M oder Lingerie-Discounter wie Body One mit BHs und Strings zu Schnäppchenpreisen.
Und es könnte noch schlimmer werden, denn seit Januar 2005 sind die Importquoten für chinesische Textilien weggefallen. Bereits heute ist China mengenmäßig der größte Lingerie-Importeur in Frankreich, gefolgt von Tunesien.
Viele Importeure würden ihre Produkte zu Preisen anbieten, die unter den Materialkosten lägen, klagen französische Firmen. Resultat: Zum ersten Mal in der Geschichte sind die Preise für BHs in Frankreich in diesem Jahr um sechs Prozent gesunken. Für 2006 rechnet das französische Modeinstitut Institut Français de la Mode damit, daß die Preise um weitere fünf Prozent fallen. Europäische Marken könnten so gezwungen sein, die Produktion noch stärker als bisher in Billiglohnländer zu verlagern.
 
 
 
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